Warum sind die meisten Programmierer schlechte Bugfixer?
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Der hier oft zitierte Vergleich mit Brücken belustigt mich als Bauingenieur und hat dennoch gewisse Analogien zur Software-Entwicklung.
Die Tacoma-Bridge (Hängebrücke) ist durch windverursachte Eigenschwingungen (Torsion) eingestürzt. Dieser Möglichkeit hatte man beim Entwurf keine Aufmerksamkeit gewidmet.Fazit: Brücken und Software sind oft komplexe Systeme. Vernachlässigt man etwas, so gibt es Bugs oder den Crash.
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Man sollte das auch beim Brückenbau nicht unterschätzen, daß da am Tag X jede Niete da sein muß mit dem Monteur, der sich am richtigen Ort montiert. Bzw. sinngemäß.
Die Komplexität liegt hier in der Ablaufplanung um die Idee in die Realität umzusetzen und jedes Bit (==Niete) korrekt zu setzen.
Ich bin zwar kein Brückenbauer, befasse mich aber mit Fabrikplanung, wo die Softwaretechnik nur einen Teil ausmacht, in dem Gesamtplan muß am Ende des Tages der letzte Feuerlöscher montiert sein und die Maschine am richtigen Platz stehen. Da gibt es Race Conditions (bestimmte Dinge sind zu früh oder zu spät da), Deadlocks (gegenseitiges Warten auf bestimmte Resourcen oder Platzprobleme), und obwohl das Design richtig ist, simuliert wurde, und viele Leute geprüft haben (FMEA, Sicherheitsanalysen, etc), wimmelte es in der Ablaufplanung von Schwierigkeiten.
Das liegt daran, weil bei aller Planung (unter Zeitdruck) es irgendwann nicht mehr möglich ist alle Details "offline" zu durchdenken. Man kann nicht beliebig in die Tiefe denken, für ein Gewerk vielleicht, aber für alle? Das kann einer nicht leisten, es gibt dann die unterschiedlichen Vorstellungen der Entwickler, und auch die Kunden wissen nicht wirklich, wie die Details sein sollen, weil sie es auch nur bruchstückhaft überblicken. Dazu kommen Lieferanten (entspricht den fertigen Komponenten von Libs und OS), die einem nur eine Blackbox nach Spezifikation (design by contract) liefern, aber man kann nicht in deren Eingeweide blicken.
Und es ist auch so, daß die Verbesserung und Detailierung von Spezifikationen die Kosten erhöht, die Planungszeit verlängert, aber eben nicht wesentlich zu einer Verbesserung beim Rollout führt, weil die Knackpunkte nur "fraktaler" vorhanden sind.
Um Abläufe weiter zu beschleunigen, setzt man auch da zu anderen Ansätzen wie simultaneous engineering, was man sich teilweise auch mal boshaft so vorstellen kann: man baut die Wand, und schlägt die Löcher dann passend rein. Wer sich hier an eXtreme Programming erinnert fühlt liegt nicht so falsch...
Es ist die Komplexität in der Tiefe und Breite, die eine Fehlerfreiheit verhindert. Der Unterschied zur Software ist, daß man die Bugs beim Laufen in der Fabrikhalle sieht, und demnach leichter identifizieren kann.
Software hat den Nachteil, daß man nicht so leicht reinschauen kann (und viele Entwickler das sogar auch zu ihrem Vorteil ausnutzen), so daß ein Bugfixer natürlich gewisse "detektivische Fähigkeiten" mitbringen muß.
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Marc++us schrieb:
Man sollte das auch beim Brückenbau nicht unterschätzen, daß da am Tag X jede Niete da sein muß mit dem Monteur, der sich am richtigen Ort montiert. Bzw. sinngemäß.
Die Komplexität liegt hier in der Ablaufplanung um die Idee in die Realität umzusetzen und jedes Bit (==Niete) korrekt zu setzen.Nicht die Niete und nicht das Niet.
Vor 50 wurde die letze Brücke genietet, oder?Marc++us schrieb:
Und es ist auch so, daß die Verbesserung und Detailierung von Spezifikationen die Kosten erhöht, die Planungszeit verlängert, aber eben nicht wesentlich zu einer Verbesserung beim Rollout führt, weil die Knackpunkte nur "fraktaler" vorhanden sind.
Deswegen arbeiten wir in der Softwaretechnick auch mit Nieten.
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Stellt sich DEvent blöd oder ist der wirklich so dumm?

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berniebutt schrieb:
Der hier oft zitierte Vergleich mit Brücken belustigt mich als Bauingenieur und hat dennoch gewisse Analogien zur Software-Entwicklung.
Die Tacoma-Bridge (Hängebrücke) ist durch windverursachte Eigenschwingungen (Torsion) eingestürzt. Dieser Möglichkeit hatte man beim Entwurf keine Aufmerksamkeit gewidmet.Das kenn ich. Bei uns in der nähe wurde vor einigen Jahren eine Fußgängerbrücke gebaut. Sie wurde so konzipiert, dass sie selbst dann noch stabil ist, wenn die ganze Brücke gerammelt voll mit Fußgängern ist.
Trotzdem musste die Brücke im Nachhinein verstärkt werden. Es wurde einfach nicht daran gedacht, dass wenn viele Menschen hintereinander gehen, sie fast unweigerlich in den Gänsemarsch übergehen. Das simultane Auftreten von hunderten von Füßen war dann doch zu viel und die Brücke kam ins schwanken
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Denkt aber daran, daß Ihr bei dem Vergleich mit der Brücke eine wichtige Sache vergesst: die Berechnung der Statik entspricht so ungefähr dem Programmdesign mit UML und der Erstellung von ein paar ER-Diagrammen. Wir alle wissen aber, daß das noch kein Programm ist.
DER BAU der Brücke ist die Codierung... der Baggerm der Erde wegschiebt, der Betonmischer, der um 11:15 anfährt, damit das kontinuierliche Gießverfahren nicht stockt, etc, das müßt Ihr einbeziehen in den Vergleich. Und da wimmelt es auch von Bugs im Ablauf.
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Ich denke dass der Vergleich besser funktionieren würde, wenn man den Bau von Gebäuden statt von Brücken nimmt.
Sowohl Gebäude als auch Programme gibt es in verschiedensten Grössen und Komplexitätsstufen.Und bei grossen komplexen Gebäuden bzw. Gebäudekomplexen spielen auch viel mehr verschiedene Dinge mit rein als bei Brücken. Sowohl in der Planung als auch in der Ausführung.
Bzw. bei einer einfachen Gartenhütte reicht es wenn man ein paar Bretter nimmt und zusammennagelt.
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Marc++us schrieb:
DER BAU der Brücke ist die Codierung... der Baggerm der Erde wegschiebt, der Betonmischer, der um 11:15 anfährt, damit das kontinuierliche Gießverfahren nicht stockt, etc, das müßt Ihr einbeziehen in den Vergleich. Und da wimmelt es auch von Bugs im Ablauf.
Das denke ich nicht. Codierung ist Design, der Bau einer Brücke ist das Übersetzen des Designs in ein Produkt, auch Kompilierung genannt.
Normalerweise ist Source Code kein Produkt, weil Source Code alleine ist nicht lauffähig. Gerade C++ Programmierer müssen das wissen. Auch Java wird kompiliert, ebenso wird Python auch vor-kompiliert. Das Produkt ist der in Maschinensprache (oder VM Sprache oder Systemsprache) übersetzte Source Code, alle Abhängigkeiten, die benötigte Konfiguration und die Dokumentation.
Ein Architekt plant auch Monate voraus, es wird nicht einfach ein Bagger bestellt und los geht es mit dem Bau. Aber ich denke, dass die Planung und das Design dauern genauso lang wie der Bau (oder der Bau dauert länger). Deswegen kann ein Architekt nicht einfach das Design mitten im Projekt ändern oder er kann nicht viele Möglichen Bauten oder Brücken durch testen. Beim Programmieren ist die Hauptaufgabe das Design, die Planung. Die Herstellung dauert im Idealfall nur Minuten und deswegen können wir das Produkt sehr oft testen. Wir können auch das Design ändern und anpassen.
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DEvent schrieb:
Beim Programmieren ist die Hauptaufgabe das Design, die Planung. Die Herstellung dauert im Idealfall nur Minuten und deswegen können wir das Produkt sehr oft testen. Wir können auch das Design ändern und anpassen.
das klingt aber schwer nach nem einzeiler, aber den muß ich auch nicht designen/planen oder etwa doch

btw. bei der software die ich so kenne wurden schon ein paar bildchen gemalt usw. aber das meißte passiert doch on the fly beim programmieren, oder wurden für linux oder eine andere software uml-diagramme gezeichnet

der vergleich wäre evtl. du hast ein haus, das ist etwas älter, soll ja doch mal vorkommen, dieses ding hat einen kamin und soll nun eine hoch moderne zentral heizung verpasst kriegen. das der architekt das vor 100 jahren noch nicht eingeplant hat sollte ja klar sein... und das dafür der ganze putz runter muß auch oder...
aber software, ja da sollte am besten deine steinzeithütte träger für solar-panels mitbringen

lg lolo
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Eine gewisse Planung ist immer notwendig. Schaut euch Schach an. Wenn man "einfach so" spielt, dann gewinnt man in den seltensten Fällen.
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... schrieb:
Eine gewisse Planung ist immer notwendig. Schaut euch Schach an. Wenn man "einfach so" spielt, dann gewinnt man in den seltensten Fällen.
nun ja, also ich plan kein schach, sondern versuch eigentlich möglichst wenig fehler zu machen -> möglichst wenig stellen übrig zu lassen die gefährlich werden können. aber ich bin auch ein mieserabler schach spieler

auch beim schach ist noch kein meister vom himmel gefallen...
lg lolo
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Bzw. bei einer einfachen Gartenhütte reicht es wenn man ein paar Bretter nimmt und zusammennagelt.
Dann haben wir in der Softwarewelt aber viele Gartenhuetten von der Groesse des Empire State Buildings.

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DEvent schrieb:
Das denke ich nicht. Codierung ist Design, der Bau einer Brücke ist das Übersetzen des Designs in ein Produkt, auch Kompilierung genannt.
Alle Analogien haben ihre Grenzen... Du hast sie jetzt erreicht.
Aber das zu erklären würde zu weit führen, ich bin mir auch nicht ganz sicher ob es sich lohnt.
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knivil schrieb:
Bzw. bei einer einfachen Gartenhütte reicht es wenn man ein paar Bretter nimmt und zusammennagelt.
Dann haben wir in der Softwarewelt aber viele Gartenhuetten von der Groesse des Empire State Buildings.

Es ist übrigens außerordentlich erheiternd, mit Softwareentwicklern Jenga zu spielen.
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Marc++us schrieb:
Alle Analogien haben ihre Grenzen... Du hast sie jetzt erreicht.
Aber das zu erklären würde zu weit führen, ich bin mir auch nicht ganz sicher ob es sich lohnt.
ES LOHNT SICH NICHT!
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Bashar schrieb:
Es ist übrigens außerordentlich erheiternd, mit Softwareentwicklern Jenga zu spielen.
In Nösberts ist ein Jenga-Spiel und das haben wir auch benutzt. Ich fand das ganz normal.
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volkard schrieb:
In Nösberts ist ein Jenga-Spiel
Der arme.
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Marc++us schrieb:
DEvent schrieb:
Das denke ich nicht. Codierung ist Design, der Bau einer Brücke ist das Übersetzen des Designs in ein Produkt, auch Kompilierung genannt.
Alle Analogien haben ihre Grenzen... Du hast sie jetzt erreicht.
Aber das zu erklären würde zu weit führen, ich bin mir auch nicht ganz sicher ob es sich lohnt.
Probiere es doch.

Vielleicht hast du mich nicht ganz verstanden. Ich behaupte der Source Code ist das Design. Das Produkt ist nicht der Source Code, es ist der nach Maschinensprache oder VM Bytecode übersetzte Source Code, plus die Abhängigkeiten und die Dokumentation. Der "Bau" des Produktes ist hauptsächlich das Kompilieren und dauert nur Minuten. Kurz gesagt, das lauffähige Programm plus die Dokumentation ist das Produkt. Der Source Code ist das Design des Produktes.
Programmierer verbringen fast ihre gesamte Zeit am Design des Produktes, der Bau geschieht aber in Minuten. Somit können Programmierer das Design anpassen, ein Produkt bauen und es gleich testen. Bei einem physischem Objekt dauert der Bau genauso lange oder länger als das Design. Deswegen kann man auch nicht das Design ändern, neu bauen und testen. Für das Testen muss man hier mit Modellen arbeiten. Die Programmierer können aber das echte Produkt testen.
Wenn du mir nicht glaubst, schau dir Emergent Design & Evolutionary Architecture Autor: Neal Ford - 21.09.2009 von Slide "Source = Design" an. Kannst auch hier nachlesen: What Is Software Design? By Jack W. Reeves
Wenn ich was falsch verstanden habe kannst du mich gerne darauf aufmerksam machen.
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Ich glaube die wenigsten Programmierer hier hätten wirklich Lust Software so zu entwickeln, wie es Ingenieure tun. Gerade hier schätzen viele Leute doch den kreativen Freiraum und eher das mathematische am programmieren. Allein die Leute auf Misra-C/Misra-C++ zu setzen, würde bei vielen wohl einen Schock auslösen. Marc++us hat imho recht, dass das Codieren vergleichbar ist mit dem eigentlichen Bau der Brücke. Und genauso wie man erwartet, dass die Arbeiter genau das tun, was man ihnen sagt und nicht sonderlich kreativ sind, so wird das bei vielen Projekten von den Programmierern erwartet. Aus dem Grund mögen einige Projektleiter sicher bestimmte "Coder Monkey"-Sprachen, die ohnehin wenig Freiraum für Kreativität lassen.
Das Web hat das ganze für reine Softwarefirmen sicher verändert, weil man jetzt einfach laufend am System basteln kann und "kreatives Chaos" auch zu kreativen Produkten führt. Beispiel ist Google, wo fast jedes Produkt "Beta" ist und der Arbeitsablauf etc. angeblich so super und "Freidenker" fördernd ist. Ob sie das natürlich aufrecht erhalten können... Zumindest die Ausschnitte die ich von Google I/O gesehen habe, wirkten sehr steif, weniger kreativ und das Buzzwordbingo war kaum auszuhalten. Also eher wie IBM und nicht wie ein ewig junges Startup.

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Marc++us hat imho recht, dass das Codieren vergleichbar ist mit dem eigentlichen Bau der Brücke.
Nein hat er nicht

Wenn du die Brücke schon anfängst zu bauen, sind alle Designphasen abgeschlossen. Du kannst ja nicht mitten im Bau sagen, wir haben Xxx vergessen, oder wir hätten da ein viel besseres Design, lasst uns das anstelle des alten machen. Wenn du einen Fehler findest und die Brücke wurde schon angefangen zu bauen, ist es nur unter enormen Kosten möglich das Design zu verändern.Aber vielleicht ist Marc++us ein Fan des Wasserfallmodells, wo man alles Planung im Vorfeld abwickelt und danach erst Programmiert. Aber auch dann ist die Programmierung noch das Design und das Produkt das lauffähige Programm. Vielleicht liefert Marc++us ja auch nur den Source Code aus, nach dem Motto, hier ist der Code, meine Arbeit ist beendet, wo ist das Geld.