March for Science, 22.4.2017



  • Shade Of Mine schrieb:

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=37873

    Mir ist bewusst, dass man diese Demonstrationen nicht eindeutig gutheißen muss und, dass man, wenn man nicht aufpasst, mit solchen Demonstrationen mehr verliert als gewinnt. Deswegen habe ich mich bezüglich des Eingangsbeitrags sehr zurückgehalten und nur kurz auf den March for Science hingewiesen.

    Es wäre naiv, anzunehmen, dass man nicht auch auf Basis von wissenschaftlichen Fakten gravierende politische Fehlentscheidungen treffen und rechtfertigen kann. Wir haben auch in der jüngeren deutschen Geschichte politische Akteure gesehen, die mittels vermeintlicher wissenschaftlicher Fakten völlig absurde politische Thesen unterlegt haben. Zum Beispiel hat sich Thilo Sarrazin auf die Wissenschaft berufen.

    Es ist auch oft nicht klar, was wissenschaftliche Fakten und was Meinungen sind, welche Gebiete man überhaupt dem Begriff "Science" zuordnen sollte. Ich habe hier eine recht enge Begriffsvorstellung. Für mich gehört da "Economics" und andere Gebiete, die stark meinungslastig sind, nicht zu.

    Es gibt aber auch harte wissenschaftliche Fakten, die von diversen Organisationen und auch von politischen Entscheidungsträgern negiert werden. In den USA ist hier natürlich der menschenbedingte Treibhauseffekt und dessen Konsequenzen zu erwähnen oder auch die Evolutionstheorie, die von starken Gruppen in den USA negiert wird. Wenn man da hört, dass Kindern in der Schule Kreationismus als Alternative zur Evolution beigebracht werden soll, dann ist das durchaus eine Entwicklung, gegen die man IMHO auf die Straße gehen sollte. In Deutschland haben wir zum Beispiel Krankenkassen, die homöopathische Mittel finanzieren. Ebenso wächst die Gruppe der Impfgegner, die Krankheiten, die man schon für besiegt hielt, wieder zu einer ernsten Gefahr machen könnten. Letztendlich scheint ein aufgeklärtes Weltbild bei vielen Menschen auf dem Rückzug zu sein. Das ist eine gefährliche Entwicklung, der man früh entgegensteuern sollte.

    @Shade: Auf der von Dir verlinkten Seite wird zwar der March for Science angeprangert, letztendlich werden als Kritikpunkte aber vor allem politische Entscheidungen angeführt, mit denen der Autor wohl nicht einverstanden ist. Ich denke, das geht irgendwie am Thema vorbei. Der March for Science spricht sich dafür aus, dass der politische Diskurs bei wichtigen vorhandenen wissenschaftlichen Fakten diese auch als Basis nutzen sollte und sie nicht aus ideologischen Gründen ignoriert und durch "alternative Fakten" ersetzt. Der March for Science sagt nichts über die Resultate dieses politischen Diskurses.

    Wenn eine Bundeskanzlerin sagt, dass wir jetzt in einer "postfaktischen Zeit" leben, dann ist das höchst bedenklich. Das ist etwas, was man nicht einfach so hinnehmen sollte.



  • Gregor schrieb:

    Es gibt aber auch harte wissenschaftliche Fakten, die von diversen Organisationen und auch von politischen Entscheidungsträgern negiert werden. In den USA ist hier natürlich der menschenbedingte Treibhauseffekt und dessen Konsequenzen zu erwähnen oder auch die Evolutionstheorie, die von starken Gruppen in den USA negiert wird. Wenn man da hört, dass Kindern in der Schule Kreationismus als Alternative zur Evolution beigebracht werden soll, dann ist das durchaus eine Entwicklung, gegen die man IMHO auf die Straße gehen sollte.

    Was soll es bringen, dafür ein mal auf die Straße zu gehen? Das interessiert keinen Schwanz. So wie sich manche in der SJW-Bewegung zum Verteidiger der sozialen Gerechtigkeit stilisieren, werden auch dort sicher nicht wenige sich zu "Rittern der Wissenschaft" erklären um gegen die bösen Mächte der Dunkelheit zu kämpfen. Diese Veranstaltung wird aller Voraussicht nach nur dazu führen, dass sich die Teilnehmenden mal richtig gut fühlen dürfen und Dampf gegen Trump, AfD, Brexit, Erdogan, Dunkeldeutschland, Nordkorea, you name it ablassen können.

    Wenn eine Bundeskanzlerin sagt, dass wir jetzt in einer "postfaktischen Zeit" leben, dann ist das höchst bedenklich. Das ist etwas, was man nicht einfach so hinnehmen sollte.

    Was irgendeine Merkel sagt ist doch vollkommen irrelevant, die hat auch nur das neueste Buzzword aus der Presse aufgegriffen. Das Wort "postfaktisch" eignet sich ja wunderbar, den politischen Gegner zu denunzieren und sich selbst als Quelle der Rationalität zu präsentieren.



  • Jodocus schrieb:

    Was soll es bringen, dafür ein mal auf die Straße zu gehen? Das interessiert keinen Schwanz.

    Nun, ich werde nicht versuchen, Dich davon zu überzeugen, dass Du für etwas auf die Straße gehen solltest. In einer Demokratie gehen Leute nun mal auf die Straße, wenn sie sehen, dass es Entwicklungen gibt, auf die sie aus irgendwelchen Gründen aufmerksam machen wollen. Zum Beispiel, um eine Gegenposition zum Ausdruck zu bringen.

    Das kann man natürlich generell ins Lächerliche ziehen und sagen, dass das doch eh keinen interessiert. Letztlich ist es aber eine wichtige Freiheit in Demokratien, seine Meinung in dieser Form äußern zu können. In die öffentliche Wahrnehmung kommt nur der, der sich auch öffentlich wahrnehmen lässt.



  • Gregor schrieb:

    Jodocus schrieb:

    Was soll es bringen, dafür ein mal auf die Straße zu gehen? Das interessiert keinen Schwanz.

    Nun, ich werde nicht versuchen, Dich davon zu überzeugen, dass Du für etwas auf die Straße gehen solltest. In einer Demokratie gehen Leute nun mal auf die Straße, wenn sie sehen, dass es Entwicklungen gibt, auf die sie aus irgendwelchen Gründen aufmerksam machen wollen. Zum Beispiel, um eine Gegenposition zum Ausdruck zu bringen.

    Mir scheint, in letzter Zeit sind Demonstrationen das beliebteste Mittel der Wahl, um Einfluss auf Entwicklungen nehmen zu wollen. Das mag für bestimmte, z.B. politische Probleme, durchaus ein sinnvoller Weg sein. Demonstration ist ein Weg, offen zu legen, wer die Macht besitzt, bzw. sie ist die Erinnerung an die gewählten Repräsentanten, wen sie vertreten und wer ihnen ihre Legitimation gegeben hat. Bei dieser Wissenschaftsgeschichte geht es aber nicht um Macht, sondern um Deutungshoheit und um Prinzipien. Es ist nicht wirklich sinnvoll, etwas wie Rationalität mit etwas Emotionalem wie Protest verteidigen zu wollen. Solche Prinzipien müssen einfach gelebt werden - jeden Tag, denn nur so überleben sie. Insbesondere sollte man sich davor hüten, Wissenschaft und Politik miteinander verheiraten zu wollen. Die Wissenschaft hat bisher immer sehr gut daran getan, neutral zu bleiben - sie kann es sich leisten.



  • Insbesondere sollte man sich davor hüten, Wissenschaft und Politik miteinander verheiraten zu wollen. Die Wissenschaft hat bisher immer sehr gut daran getan, neutral zu bleiben - sie kann es sich leisten.

    Politische Neutralität sollte in der Tat eines der Kennzeichen der Wissenschaft sein, selbst wenn sie sich von Machthabern und/oder anderen Geldgebern bezahlen lässt. Für die Natur-/Ingenieurwissenschaften gilt dies weitgehend, bei den Geisteswissenschaften bin ich mir nicht mehr so sicher. Bei VWL ist die politische Gesinnung m.E. bereits integriert. Der ewige Streit, ob man Schulden machen oder sparen soll, legt hier den Grundstein für politische Haltungen, ebenso das Thema Handelsbilanzüberschuss. Bei BWL ist eine neutrale Haltung ebenso ungewollt. Hier geht es darum, Unternehmen erfolgreich zu führen, auch gegen die Interessen des Staates. Bei Jura vermute ich in gewissen Bereichen auch politische Haltungen. Ganz wild wird es bei Politik- oder Sozialwissenschaften.

    Genau genommen ist es ein Abgrenzungsproblem der Wissenschaft.



  • Das ganze hat seinen Ursprung afaik in einem Kommentar auf Reddit zum Thema "Weißes Haus löscht Daten zum Klimawandel auf seiner Website" oder so ähnlich.

    Das ganze ist nichts anderes als Kritik an der Klimapoltik Trumps, auch wenn es anders verkauft wird. Wissenschaft wird zur politischen Interessensgruppe und das ist mMn einfach nur dämlich.



  • eMpTy schrieb:

    Das ganze ist nichts anderes als Kritik an der Klimapoltik Trumps, auch wenn es anders verkauft wird. Wissenschaft wird zur politischen Interessensgruppe und das ist mMn einfach nur dämlich.

    So sieht's aus.
    Haben sich schon Unterorganisationen von Parteien (Jusos, Grüne Jugend, Julis etc.) angemeldet?



  • Gerade zur Klimapolitik vernimmt man in letzter Zeit aber viele Studien, die untersuchen, warum sich die Erde nicht so schnell aufwärmt wie erwartet. Da nimmt man einfach mehr Ozean ins Modell und fragt: in welchem Ozean ist die Wärme denn geblieben? Wenn das nicht politisch motiviert ist. 😉



  • Provieh-Programmierer schrieb:

    Haben sich schon Unterorganisationen von Parteien (Jusos, Grüne Jugend, Julis etc.) angemeldet?

    Die Unterstützer werden da aufgelistet. Im Wesentlichen sehe ich hier wissenschaftliche Organisationen und Einzelpersonen.



  • Jodocus schrieb:

    Bei dieser Wissenschaftsgeschichte geht es aber nicht um Macht, sondern um Deutungshoheit und um Prinzipien. Es ist nicht wirklich sinnvoll, etwas wie Rationalität mit etwas Emotionalem wie Protest verteidigen zu wollen. Solche Prinzipien müssen einfach gelebt werden - jeden Tag, denn nur so überleben sie. Insbesondere sollte man sich davor hüten, Wissenschaft und Politik miteinander verheiraten zu wollen. Die Wissenschaft hat bisher immer sehr gut daran getan, neutral zu bleiben - sie kann es sich leisten.

    Über den Artikel da bin ich gerade gestolpert, in dem es unter anderem darum geht, wie politisch Wissenschaft sein darf und wie politisch diese Demonstrationen werden:

    http://blogs.faz.net/blogseminar/march-for-science-wie-politisch-darf-wissenschaft-sein/

    Cristina erzählt: „Wir mussten versichern, dass es keine politischen Statements geben wird.“ Das war die Bedingung dafür, dass sie das Gelände in Universitätsnähe nutzen dürfen und die offizielle Unterstützung der Universitäten Köln und Bonn bekommen, deren Rektoren bei der Veranstaltung öffentlich sprechen werden. Denn entsprechend dem Neutralitätsgebot sind Universitäten als staatliche Einrichtungen dazu verpflichtet, in ihren Äußerungen politisch neutral zu sein. Und auch von der Wissenschaft an sich erwartet man ohnehin nüchterne Faktenorientierung ohne Meinungshintergrund.

    Ich erwarte und hoffe eigentlich, dass es im Zusammenhang der Demonstrationen keine konkreten politischen Statements gibt, die die aktuelle Politik betreffen, sondern dass in erster Linie versucht wird, das Bewusstsein dafür zu stärken, welchen Wert Wissenschaft in einer Gesellschaft wie der unseren hat, welche Freiheiten die Wissenschaft braucht und wie wissenschaftliche Fakten zu bewerten sind. Ich hoffe, dass es eine Werbung für eine aufgeklärtere Gesellschaft wird. Mir ist allerdings bewusst, dass man mit solchen Demonstrationen auf einem schmalen Grat wandert. Wenn die Botschaft nicht genau passt, dann kann das schnell nach hinten los gehen.

    Wenn ich mir die Programme der unterschiedlichen Märsche angucke, dann habe ich den Eindruck, dass man sich beispielsweise in Köln/Bonn sehr bewusst ist, dass man bezüglich der Statements auf diesen Demonstrationen vorsichtig sein sollte. In Berlin wird da wohl eher in Richtung konkreter politischer Forderungen abgedriftet.

    EDIT: Noch ein Kommentar dazu, wie politisch Wissenschaft werden sollte: https://www.helmholtz.de/wissenschaft_und_gesellschaft/wissenschaft-muss-fuer-ihre-werte-werben-7613/

    Diese Entwicklung beunruhigt, und für die Wissenschafter wächst daraus eine politische Aufgabe. Die Geschichte zeigt, dass der Rückzug in den Elfenbeinturm - die Kultur des Apolitischen und des mit sich selbst Beschäftigens - die falsche Antwort auf antidemokratische Strömungen in der Welt wäre,weil Wissenschaft so leicht zum Spielball von Ideologien würde.Daher ist es ein Gebot der Stunde, dass die Wissenschaft für ihre Werte eintritt und öffentlich für diese wirbt.



  • OK, man will also, dass sich Menschen aus "Primärliteratur" der Wissenschaften informieren. Dann sollte die Regierung die etwas allgemeiner ausgerichteten Wissenschaftsmedien entsprechend frei zugänglich gestalten.

    Nehmen wir mal "Nature": Subscribe to Nature for full access: $199

    Das werden sich wohl nur wenige Privatpersonen leisten wollen. Damit bleibt dem normalen Volk im Wesentlichen der Zugang zu kostenfreien Medien, die wissenschaftliche Informationen einfach strukturiert, damit leider oft verfälscht, aber einfach zu lesen und politisch manipuliert darbieten. Ein Marsch ist nett, aber nicht praxisorientiert.

    Es gibt einige positive Beispiele: https://www.mpg.de/mpforschung
    Das MPG Wissenschaftsmagazin (zumindest Sekundärliteratur) kann man kostenlos lesen. Man bekommt es sogar in Papierform geschickt, wenn man das will.
    Heft 4/2016: https://www.mpg.de/11021747/MPF_2016_4.pdf

    Google Books ist wohl auch zu erwähnen.



  • Gregor schrieb:

    Ich hoffe [...], dass in erster Linie versucht wird, das Bewusstsein dafür zu stärken, welchen Wert Wissenschaft in einer Gesellschaft wie der unseren hat, welche Freiheiten die Wissenschaft braucht und wie wissenschaftliche Fakten zu bewerten sind. Ich hoffe, dass es eine Werbung für eine aufgeklärtere Gesellschaft wird.

    Man kann mit Demonstrationen nicht wieder gutmachen, was an anderer Stelle mutmaßlich torpediert wird. Die Gesellschaft wird vollkommen infantil behandelt und infolge dessen benimmt sie sich auch so (vgl. Punkt 5, Chomsky's 10 Regeln zur Manipulation einer Gesellschaft).

    Erhard Henkes schrieb:

    OK, man will also, dass sich Menschen aus "Primärliteratur" der Wissenschaften informieren.

    Da ist auch der Wunsch der Vater des Gedankens. Als Physiker, der sich mit Thema X beschäftigt, kann man kaum ohne wochenlange Vorbereitung ein Paper aus Sektion Y verstehen. Wie soll das ein Laie schaffen?



  • Erhard Henkes schrieb:

    OK, man will also, dass sich Menschen aus "Primärliteratur" der Wissenschaften informieren.

    Wo hast Du das denn jetzt her? 😕

    Erhard Henkes schrieb:

    Dann sollte die Regierung die etwas allgemeiner ausgerichteten Wissenschaftsmedien entsprechend frei zugänglich gestalten.

    Nehmen wir mal "Nature": Subscribe to Nature for full access: $199

    Inzwischen wird Forschung häufig über Mittel finanziert, die daran gebunden sind, dass die Ergebnisse in Form von Open-Access veröffentlicht werden. Wenn Du es darauf anlegst, alle möglichen Veröffentlichungen zu lesen, die nicht Open-Access sind, dann würdest Du nicht jedes Journal einzeln abonieren, sondern Dir einen Bibliotheksaccount bei einer großen Bibliothek besorgen, die das für ein breites Spektrum von Journalen bereitstellt.

    Ich schließe mich Jodocus aber natürlich an: Das kann praktisch niemand lesen, der nicht zum Fachpublikum gehört.



  • Gregor schrieb:

    Erhard Henkes schrieb:

    OK, man will also, dass sich Menschen aus "Primärliteratur" der Wissenschaften informieren.

    Wo hast Du das denn jetzt her? 😕

    Siehe z.B. hier:

    <a href= schrieb:

    ZEIT Online">Wer nachlesen will, warum Forscher unabhängig voneinander zu dem Schluss gekommen sind, dass die Dreifach-Impfung gegen Masern, Mumps, Röteln und Autismus nichts miteinander zu tun haben, sollte nicht mehrere teure Fachjournale abonnieren müssen. Er sollte sich einfach alle relevanten Studien kostenlos herunterladen können – inklusive einer verständlichen Einordnung von Experten.

    Wie gesagt, Traumtänzerei.



  • OK, wir sind uns wohl einig, dass der Zugriff auf Primärliteratur selbst für einen interessierten Zirkel, der flüssig englisch lesen kann und gewohnt ist, Fachliteratur zu verdauen, kaum umsetzbar und vor allem auch zu aufwändig ist. Damit erhebt sich die Frage, wie man wissenschaftlich up-to-date bleiben kann, ohne auf den allgemeinen Schund in den bekannten Blättern oder aus eigentlich unbekannten Quellen angewiesen zu sein. Wie haltet ihr euch z.B. im Bereich der Chemie, Biochemie, Pharmazie, Medizin und Biologie auf Stand? Was sind eure ersten Quellen? Wikipedia? Übersichtsjournale?



  • Erhard Henkes schrieb:

    Damit erhebt sich die Frage, wie man wissenschaftlich up-to-date bleiben kann, ohne auf den allgemeinen Schund in den bekannten Blättern oder aus eigentlich unbekannten Quellen angewiesen zu sein. Wie haltet ihr euch z.B. im Bereich der Chemie, Biochemie, Pharmazie, Medizin und Biologie auf Stand?

    Ehrlich gesagt gar nicht. Zumal ich in den meisten dieser Gebiete gar keinen Stand habe, auf dem ich mich halten kann. Wenn ich mich da für ein Teilgebiet interessieren würde, dann würde ich mir wohl zuerst ein entsprechendes Fachbuch kaufen, um ein bisschen Verständnis des Gebiets aufzubauen.

    Ich habe vor einiger Zeit mal versucht, mich mittels Originalpublikationen in ein Gebiet der Bildverarbeitung (Superresolution) einzuarbeiten. So etwas ist möglich aber problematisch. Mit der entsprechenden Vorbildung kann man zwar auch Paper lesen, die nicht aus dem eigenen Gebiet kommen, aber was man da liest kann man noch lange nicht richtig einordnen. Man kriegt dann sehr punktuelles Wissen, aber keinen Gesamtüberblick. Man weiß nicht, wie repräsentativ ein Paper ist und ob es überhaupt der Stoßrichtung des jeweiligen Gebiets entspricht. Übersichtsartikel sind bei so einer Vorgehensweise aber natürlich ein guter Startpunkt.

    Einen Eindruck von der "Stoßrichtung eines Gebiets" kann man als Wissenschaftler kriegen, wenn man auf Konferenzen geht, die auch dieses Gebiet abdecken. So eine Vorgehensweise würde ich mir teilweise auch von Wissenschaftsjournalisten erhoffen, damit sie sinnvoll und repräsentativ über Entwicklungen in einem wissenschaftlichen Gebiet berichten können. Ich weiß nicht, ob das zu viel verlangt ist. Ich glaube zumindest nicht, dass da so gearbeitet wird. Natürlich wird man auf so einer Konferenz nicht die Details verstehen, aber man wird irgendwie mitkriegen, über was generell geredet wird und mit welcher Tendenz die Leute darüber reden.

    Es erwartet aber auch niemand, dass Leute jenseits der Wissenschaft wissenschaftlich up to date sind. Und es erwartet auch niemand, dass Wissenschaftler in fachfremden Gebieten up to date sind. Was man sich aber von mündigen Bürgern erhoffen könnte wäre, dass diese ein Grundverständnis dafür aufbringen, wie Wissenschaft funktioniert, wie wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn abläuft. Und auf dieser Basis kann man dann für eine Vertrauenskette vom Wissenschaftler über die Journale und die Gutachter, die Wissenschaftsjournalisten bis hin zur allgemeinen Bevölkerung werben. Nichtwissenschaftlichen Behauptungen die mit wissenschaftlichen Theorien konkurrieren, fehlt diese Basis der wissenschaftlichen Methode. Das ist ein qualitativer Unterschied, der den Leuten klar sein sollte. Insbesondere sollte man so ein Grundverständnis von Entscheidungsträgern erwarten können.

    Wikipedia ist übrigens gar nicht so schlecht, wenn man sich kurz und oberflächlich über ein Thema informieren möchte, das nicht kontrovers ist. 😋



  • Gregor schrieb:

    Wikipedia ist übrigens gar nicht so schlecht, wenn man sich kurz und oberflächlich über ein Thema informieren möchte, das nicht kontrovers ist. 😋

    Da hatte ich Professoren in Physik oder Regelungstechnik, die das komplett anders sehen. Ich persönlich habe mich auch schon das ein oder andere Mal über wp aufgeregt.
    Grundsätzlich stimme ich zu, für einen ersten Überblick durchaus zu gebrauchen; aber imho alles andere als Verlässlich.

    Gregor schrieb:

    Einen Eindruck von der "Stoßrichtung eines Gebiets" kann man als Wissenschaftler kriegen, wenn man auf Konferenzen geht, die auch dieses Gebiet abdecken. So eine Vorgehensweise würde ich mir teilweise auch von Wissenschaftsjournalisten erhoffen, damit sie sinnvoll und repräsentativ über Entwicklungen in einem wissenschaftlichen Gebiet berichten können.

    Kann man durchaus kontrovers betrachten, denn auch Konferenzen müssen ausgerichtet und finanziert werden - ergo, findet man auch hier Lobbyismus. Und das in alle Facetten.
    Nimm bspw. Tagungen zum Thema Klimawandel. Es wird den "Gegnern" oft vorgeworfen, dass die Studien zur Widerlegung von der Industrie finanziert werden. Hinter den "Befürwortern" stehen allerdings ebenso Industrie und Vereine (wie zB der BUND, der seine Zuwendungen in den letzten Jahren um mehrere Millionen, einen 2-stelligen Prozentwert, steigern konnte).

    Hm ... ja ... und dann haben wir ja noch die Geisteswissenschaftler.
    Ich kann berichten, dass diese in Scharen dort mitspaziert sind.



  • Was man sich aber von mündigen Bürgern erhoffen könnte, wäre, dass diese ein Grundverständnis dafür aufbringen, wie Wissenschaft funktioniert, wie wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn abläuft.

    Wieso sollen Nichtwissenschaftler, und das ist die Mehrheit der Menschen, sich um die Arbeitsweise solcher Spezialgebiete kümmern, mit denen sie im Alltag nichts zu tun haben?



  • Erhard Henkes schrieb:

    Was man sich aber von mündigen Bürgern erhoffen könnte, wäre, dass diese ein Grundverständnis dafür aufbringen, wie Wissenschaft funktioniert, wie wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn abläuft.

    Wieso sollen Nichtwissenschaftler, und das ist die Mehrheit der Menschen, sich um die Arbeitsweise solcher Spezialgebiete kümmern, mit denen sie im Alltag nichts zu tun haben?

    1. In der heutigen Zeit wird man mit jeder Menge Aussagen jeder Qualität, jedes Wahrheitsgehalts und aus jeder möglichen Quelle konfrontiert. Die Fähigkeit, Aussagen bezüglich solchen Kategorien einzuordnen ist eine wichtige Medienkompetenz, die jeder haben sollte. Bzw. es ist IMHO in der Tat eine Grundvoraussetzung, um mündig sein zu können:

    Wikipedia Artikel zu Mündigkeit

    „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

    2. Vielleicht auch einfach, damit man nicht auf die Idee kommt, sich homöopathisch oder durch andere Quacksalberei therapieren zu lassen, falls man mal an Krebs oder einer anderen schweren Krankheit leidet.



  • Ich habe in dem Thread häufiger Sätze in dem Tenor "Geisteswissenschaften sind keine Wissenschaften" gelesen. Den Ansatz halte ich für Gefährlich. Ja, Geisteswissenschaften sind KEINE Naturwissenschaften. Aber Geisteswissenschaften sollen eigentlich zu einem unabhängigen und kritisch hinterfragenden Blickwinkel führen. Grade auch um aktuelle politische Strukturen zu hinterfragen, Ideen für neue Gesellschaftsmodelle zu entwickeln usw.

    Der Unterschied ist, dass sich Erkenntnisse der Geisteswissenschaften nicht so einfach von Unternehmen in Geld umsetzen lassen. Daher ist auch die Entwicklung was Hochschulräte betrifft kritisch zu betrachten. Denn dort können Vertreter der Wirtschaft Einfluss auf Hochschulpolitik nehmen. Die inverstieren aber wahrscheinlich lieber in einen gut ausgebildeten MINT Absolventen als in einen kritisch hinterfragenden Politikwissenschaftler.

    Im übrigen haben wir die Aufklärung vielen Geistenwissenschaftlern (Philosophen) wie z.B. Jean-Jacques Rousseau zu verdanken.