Eine Jahrhundert später...
-
Ein Vogel, dessen Augen ausschliesslich auf die Fährte einer Maus gerichtet sind, fliegt hoch oben am Himmel in majästetischer Schönheit.
In seinem Rücken scheint ein roter Himmel, den er nicht beachtet. Feuer am Himmel?
"Wenn ein Tier keine Gefahr spürt, gibt es keine Gefahr", hat ein weiser Mann mal zu mir gesagt.
Was, wenn er sich geirrt hat?Ein Krieg ist vorbei.
Ich, Tyramis, schreibe auf was ich erlebte und noch erleben werde. In der Hoffnung, das eines Tages noch jemand da sein wird, der es liest und versteht.
Es geht nicht um mich. Es geht um alles. Wenn die Zeit sich weiterbewegt, bewegt sich alles mit ihr. Wenn ich mich bewege, bewegt die Zeit sich mit mir. Egal in welche Richtung ich dahin schreite, die Zeit kennt nur einen Weg. Das Ziel wird das Ende sein. Aber wann?Es ist über hundert jahre her, seit der große Krieg beendet wurde. Eine Welt aus Königreichen hat sich gegenseitig zerstört.
Mein Ur-Ur-Großvater war ein freiherr (was auch immer das bedeutet hat) eines kleinen Landes namens Lupoldien.
Eine friedliche Gemeinschaft ohne Kummer, ohne Sorgen.
Die Wasser waren frisch, die Ernte ausreichend, die Menschen ohne Angst.
Eines tages, so erzählte mir mein Opa am Sterbebett, kam eine schwarze Gestalt (der Tod?) in unser Land und nahm sich was es wollte.
Es war nicht der Anfang des Krieges, aber es wurde das Ende. Ich erzähle das hier nur, damit die Menschen verstehen, warum ich aufschreibe was ich aufschreibe.
Ein Krieg. Eine Ende.
Mein Grandpa erzählte mir, wie er den Krieg aus den Augen eines Kleinkindes erfahren hat. Politik, Wirtschaft und Reichtum kannte er nicht. Er wußte nicht worum es in dem Krieg ging und ich glaube keiner weiß mehr worum es ging...
Das einzige was ihm damals schon bewußt war, war die schwarze Gestalt. Er erzählte mir, das er ihr einmal begegnete (was er sich im Dilirium seiner letzten Stunden wahrscheinlich selber vorgelügt hat) und das er seitdem ihr Gesicht nicht mehr aus seinen Träumen verbannen kann. Wenn man aus einem Traum erwacht, kann man sich nicht immer an alle Details erinnern, die man geträumt hat.
Aber das ist nicht wichtig. Ob es nun alles real war, was er mir erzählte, oder nicht.
Ich muss es einfach niederschreiben, damit die Welt es hört:Es war Krieg, jeder wußte es, aber in Lupoldien gab es noch keine offensichtliche Gefahr für die Menschen. Sie lebten, wie sie es gewohnt waren, jeden Tag ihr Leben als könnte ihnen nix passieren. Als wären sie von der Außenwelt abgeschnitten. Ohne Sorgen, ohne Kummer.
Sicherlich sind die Neuigkeiten, das sich das Großreich Ulamas und Optimiziens im Krieg befinden, auch bis nach Lupoldien gekommen, aber Beachtung wurde ihnen nicht geschenkt. Warum auch? Die beiden Reiche lagen weit entfernt und als selbstständige Kolonie hatte man nichts mit der einen noch der anderen zu tun...Aber zurück zum wichtigen Teil. Eines abends hörten einige Männer Lupoldiens einen schrillen, Mark erschütternden Schrei, der aus dem Talao-Hochland kam. Das Problem war, das alle Männer, die diesen Schrei gehört haben, sich in Muli's Pub befanden und kein einziger von ihnen war noch in der Lage gerade aus zu schauen...
Zwei Tage nach diesem Ereignis war es schon wieder aus den Köpfen der Bewohner verschwunden, weil es als "Säufergeschwätz" abgestempelt wurde und man für so welche Hirngespinste nichts übrig hatte.
An diesem Abend jedoch erklang der höllische Schrei erneut und diesmal hörten ihn fast alle. Es, was auch immer es war, war näher gekommen. Die Bürger wurden unruhig und baten meinen Ur-Ur-Großvater, er solle sich um ihre Sicherheit bemühen. Natürlich lag ihm der Wunsch des Volkes sehr am Herzen und schon in der darauf folgenden Nacht ritt ein zusammengestellter Trupp in das Talao-Hochland um sich umzuschauen. Die Besten Männer wurden als Führungkräfte an die Seite der normalen Krieger gestellt, damit die Bevölkerung den Ernst, den ihr Herrscher hinter diesem Geschrei vermutete, verstanden und ihm für seine Hilfe Dankbar waren.Eine endlose Woche verging, ohne das ein einziges Lebenszeichen der Truppen bei den Menschen Lupoldiens ankam. Eine Woche, bevor die Schreie erneut erklangen. Diesmal aber waren es nicht dieselben. Nicht ganz. Unter das bekannte, höllische Geräusch, mischten sich elende Schreie menschlicher Wesen, die sich anhörten, als würden sie dem Teufel persönlich ins Gesicht schauen. Kaum noch als menschlich erkennbar, aber von den Verwandten und Bekannten eindeutig als die Stimmen ihrer Lieben innerhalb unseres Trupps identifiert, liesßen sie niemanden in Lupoldien mehr ruhig schlafen.
Eine Angst, die man sich kaum vorstellen kann, ging in Lupoldien um. Die alten Weiber predigten den Weltuntergang an, während die Kinder ihre Eltern täglich fragten, wo denn ihre Väter bleiben.
Die Straßen waren verlassen.
In Muli's Pub traf man nur noch ein paar Ältere, die sich keine Sorgen mehr machten, weil sie schon seit langer Zeit mit Ihrem Leben abgeschlossen haben und sich nach der Erlösung durch ihren Tod sehnten. Mein Ur-Ur-Großvater hatte auch Angst, aber er wußte das er es nicht zeigen durfte. Wenn ein Oberhaupt Angst zeigt, wird ihm niemand mehr folgen.
Die Frage war, was konnte er tun um sein Volk und sich selber zu schützen? Auf der einen Seite kam ein Geschöpf, welches er sich nicht in den schlimmsten Träumen vorstellen konnte, auf sein Reich zu, auf der anderen Seite war Krieg.
Ein Krieg, aus dem er sich eigentlich raushalten wollte.
Aber ohne Hilfe von außerseits, das wußte er, wären er und sein Volk verloren.
Also beschloss er sich zu einem Wagnis, welches später fatale Folgen für alle in der damaligen Welt haben würde...^to be continued^