Wer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Uni?



  • Hallo,

    gibt es hier User, die an einer Uni an einem Lehrgebiet forschen, sei es im Rahmen einer Promotion oder einfach als Arbeitsstelle?

    Mich würde mal interessieren, wie da so der Berufsalltag aussieht:

    * Wie viel Zeit investiert man in Lehre, wie viel in die Forschung?
    * Wie sieht die tägliche Arbeit aus?
    * Ist es schwer, an so eine Stelle zu kommen (mit einem Master)?
    * Hat man da in der Regel Vollzeitbeschäftigung? Wie siehts in etwa mit dem Gehalt aus?

    Viele Fragen, aber ich kenne Niemanden persönlich, der mir da ein wenig was erzählen könnte 🙂

    Danke



  • Ich arbeite nicht an einer Universität, sondern an einem Forschungsinstitut. Ich kenne allerdings ein paar Leute, die an Universitäten promovieren und da entsprechende Stellen haben. Deshalb...

    1. Es gibt Stellen mit Lehrverpflichtung und Stellen ohne. Die Leute, die Lehrverpflichtung haben, erzählen teilweise schon, dass das einen erheblichen Anteil an ihrer Arbeit ausmacht. Die Promotion verlängert sich dadurch deutlich.

    2. Wie die tägliche Arbeit aussieht, hängt natürlich davon ab, ob Du Lehrverpflichtung hast oder nicht. Wenn Du keine hast, dann arbeitest Du halt größtenteils an Deiner Sache. Aber: Die Stellen, die man da hat, haben als Inhalt typischerweise nicht "arbeite an Deiner Promotion". Stattdessen bist Du wissenschaftlicher Mitarbeiter. ...bzw. bei mir steht im Arbeitsvertrag, dass ich für "wissenschaftliche Hilfstätigkeiten" angestellt bin (selten so etwas abwertendes gehört). Dazu kann auch schonmal gehören, dass man Dinge erledigen muss, die nichts mit dem Thema der Promotion zu tun haben. Organisatorische Dinge oder die Vorbereitung von Vorträgen für den Chef oder so. Allerdings macht das bei den meisten nur einen sehr geringen Teil der Arbeit aus. Hier handelt es sich mehr um um etwas, was sehr selten anliegt.

    3. Es gibt eine Sache, die noch viel schwieriger zu beschaffen ist als das Geld, mit dem eine Stelle finanziert wird. Und das ist eine Person, die auf die Stelle passt. Wenn man irgendwie auf die Stelle passt, weil man in seiner Abschlussarbeit vielleicht schon etwas in die Richtung gemacht hat, dann sollte es kein Problem sein, eine entsprechende Stelle zu bekommen. Generell gilt hier aber auch, dass Vitamin B gut ist. Das hat man als Student nicht, aber der Prof, bei dem Du Deine Abschlussarbeit machst kennt Leute. Der kann Dir zumindest helfen, die entsprechenden Kontakte zu knüpfen. Zum Beispiel dadurch, dass er Dir sagt "Halte da mal nen Vortrag über Dein Abschlussthema!". Es kann auch sein, dass die Stelle dann extra für Dich geschaffen wird. Es kann auch sehr gut sein, dass Du eine Stelle in der Arbeitsgruppe des Profs kriegst, der Deine Abschlussarbeit betreut hat.

    4. Ob man für die volle Arbeitszeit bezahlt wird, hängt sehr von der Stelle ab. Es gibt viele Stellen, bei denen Du nur für die halbe Arbeitszeit bezahlt wirst. Es gibt aber keine Korrelation zwischen dem, was Dir gezahlt wird und dem, was Du arbeitest. Egal wie viel Du kriegst, es wird von Dir erwartet, dass Du jeden Tag 8++ Stunden arbeitest. Allerdings ist das auch locker zu sehen. Ich denke, bei den meisten Stellen dieser Art hat auch keiner etwas dagegen, wenn man mal einen Tag früher geht oder später kommt. Oder wenn man mal während der Arbeitszeit mit Kollegen ne Runde Fußball spielt. Insgesamt ist die Stelle aber eine Unterstützung für Deine Promotion. Und deshalb wird erwartet, dass Du Vollzeit oder mehr an der Promotion arbeitest. In meinem Fall heißt das zum Beispiel, dass mich mein Chef auch schonmal nach Mitternacht anruft, um über die neuesten Ergebnisse zu reden.



  • Zum Gehalt ist noch anzumerken, dass nach TVÖD gezahlt wird. Mit einem Master/Uni-Diplom sollte man typischerweise mit E13 einsteigen. Mit einem Bachlor/FH-Diplom mit E10-E11.



  • Ich kann dir nur über die Anstellung mit Promotion etwas sagen.

    1. Sehr unterschiedlich, auch unterschiedlich übers Jahr verteilt. Wenn du z.B. Prüfungen korrigieren musst, wirst du während der Prüfungszeit evt. fast ausschliessliche für die Lehre arbeiten. Während du während den Semesterferien fast ausschliesslich an deiner Promotion arbeiten kannst. Ausserdem ist das auch von Uni zu Uni, von Institut zu Institut und sogar von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich. Bei uns sind es ca. 10% (vllt. 20%) Lehre.

    2. Das kommt extrem aufs Fachgebiet an...

    3. Nicht schwer, wenn du dich schon während der Masterarbeit umschaust (und natürlich gute Noten hast und eine gute Arbeit machst 😉 ). Schliesslich kennen sich ja auch die Professoren und Doktoranden untereinander, für die ist es immer einfacher jemanden zu nehmen den sie kennen. Oder bei dem sie die Betreuer kennen.
      Sonst kann es etwas schwieriger werden, da es auch einen Bewerbungsprozess gibt. Evt wirst du über dein Wissen aus Studium ausgefragt um sicherzustellen, dass du die Voraussetzungen erfüllst. Oder du musst eine Präsentation halten o.ä. Unmöglich ist es natürlich nicht.

    4. Je nach dem, was du studierst. Bei uns werden Ingenieure etc. 100% angestellt, Biologen/Mathematiker/etc. nur 60%. Da wo man nicht fast zwingend einen Doktortitel braucht wird man normalerweise besser bezahlt (Ingenieure z.B.).
      Verdienst: Schlechter als in der Wirtschaft, aber genug zum Leben ;).



  • lustig schrieb:

    1. Das kommt extrem aufs Fachgebiet an...

    Nach dem, was ich bis jetzt gesehen habe, ist das fast ueberall gleich:

    Debugging.
    Debugging.
    Debugging.

    Das ist der Arbeitsalltag. Entweder Du debugst Programmcode oder mathematische Beweise oder irgendwelche physikalischen Experimente. So oder so: Der Grossteil der Arbeit ist das Finden und Korrigieren von Fehlern.



  • Gregor schrieb:

    So oder so: Der Grossteil der Arbeit ist das Finden und Korrigieren von Fehlern.

    diese art der arbeit ist extrem madig 😞



  • marco.b schrieb:

    * Wie viel Zeit investiert man in Lehre, wie viel in die Forschung?

    Ich investiere 100% in die Forschung, weil ich keine Lehre machen muss. Lehre ist sicher auch eine gute Erfahrung, aber die restliche Arbeit macht in der Zeit leider niemand für mich. Da wir hier möglichst in drei Jahren fertig werden sollen, konzentriere ich mich lieber auf den Output, an dem ich nachher gemessen werden soll.

    marco.b schrieb:

    * Wie sieht die tägliche Arbeit aus?

    Ich stiefle meist irgendwann ins Büro, schnapp mir einen Kaffee und kritzle erstmal einen Haufen Papier mit Herleitungen voll, versuche was zu beweisen und programmiere nebenher ein paar Tests ein. 80% von letzterem bestehen aber aus Debugging, was wohl auch normal ist, wenn ich hier mal auf die anderen Beiträge schiele. Wenn ich Resultate habe, die es wert sind, dann hacke ich die möglichst direkt in LaTeX ein, bevor ich den Schmierzettel nicht mehr finde. Manchmal ist dann ein interessantes Seminar, ein Workshop o.ä., oder ich gehe mir zur Ablenkung eine Vorlesung anhören. Glücklicherweise sind wir von den Arbeitszeiten hier relativ flexibel und können auch mal von zu Hause arbeiten, wenn was dringendes ist (z.B. die Telekomiker sich zwischen 8 und 18 Uhr angekündigt haben). Ein paar Wochen im Jahr reise ich noch ein wenig durch die Weltgeschichte um auf Konferenzen Resultate zu präsentieren und mir anzuschauen, was andere so machen.

    marco.b schrieb:

    * Ist es schwer, an so eine Stelle zu kommen (mit einem Master)?

    Kann ich schwer sagen. Bei mir hat's direkt bei der gewünschten Stelle hingehauen und deswegen habe ich mich auch nicht weiter beworben. Vielerorts soll es aber mehr Stellen geben als qualifizierte Bewerber. Wenn man sich also nicht ganz ungeschickt anstellt, sollte es durchaus möglich sein unterzukommen. Am besten ist natürlich, wenn man irgendwo schonmal einen positiven Eindruck hinterlassen hat. Viele meiner Freunde landeten z.B. bei Instituten, wo sie vorher schon als HiWi, Diplomarbeiter o.ä. angestellt waren.

    marco.b schrieb:

    * Hat man da in der Regel Vollzeitbeschäftigung? Wie siehts in etwa mit dem Gehalt aus?

    Wenn man nicht gerade eine halbe Stelle bekommt, und nicht unbedingt drei weitere hungrige Mäuler stopfen muss, keine Kredite laufen hat usw., dann kommt man meiner Erfahrung nach sehr sehr gut aus mit dem Geld. Natürlich ist kein Haus, Sportwagen oder Segelboot drin, aber man kann schon einen sehr gehobenen studentischen Lifestyle pflegen ;).



  • Vielen Dank für die Antworten 🙂

    Dass ich auf so eine Stelle mal komme, ist wohl sehr unwahrscheinlich.
    Habe mein Studium erst relativ spät begonnen, werde also Anfang 30 sein, bis ich einen Master habe. Noch dazu habe ich mich für die berufsbegleitende Variante einer FernUni Hagen entschieden, womit ich auch nur bedingt Kontakte zu Dozenten / Institute / ... knüpfen kann. Dennoch ist es spannend, ein wenig Einblicke in den Alltag einer derartigen Stelle zu erhalten.

    Walli schrieb:

    Natürlich ist kein Haus, Sportwagen oder Segelboot drin, aber man kann schon einen sehr gehobenen studentischen Lifestyle pflegen ;).

    Nun, das ist schon mehr als "studentischer Lifestyle", oder? Wenn das mit E13 als Master stimmt und man eine Vollzeitstelle hat, müsste man ja auf 3000 Brutto kommen. Da gibt es viele (ohne Studium), die weniger verdienen. 😉



  • Klar, ich kenne auch Leute mit Studium, die zum Einstieg weniger bekommen. Man kann sich schon nicht beschweren. Man ist sehr flexibel und die Arbeit ist auch die meiste Zeit über nicht besonders aufreibend, wenn man sich ordentlich organisiert. Ausserdem lernt man viele neue Leute kennen, und man kommt auch an viele sonstige Annehmlichkeiten. Zum Beispiel sind manche Konferenzen echt an netten Orten, und wenn man schonmal einen Flug bezahlt bekommen hat, dann kann man oft auch auch mal ein paar Tage Urlaub dran hängen (natürlich Kost und Logis ab dann auf eigene Kosten). Sicher, das ist bestimmt von Institut zu Institut unterschiedlich, und vieles davon hat man je nach Beruf auch, aber auf der Uni geht es meist deutlich lockerer zu, nach dem, was ich bisher so mitbekommen habe. Bei mir ist es z.B. schön, dass ich ausschließlich für mich arbeite. Ich habe zwar zwei Professoren zugewiesen, die mir mit Rat und Tat zur Seite stehen, aber im Endeffekt ist deren Einstellung, dass ich ja nachher meinen Doktor haben will und sie nicht dafür zuständig sind, mir Aufgaben zu geben. Ich bekomme Feedback und Hinweise, aber keine strikten Vorgaben, und das funktioniert auch bisher ganz gut. Das ist aber jetzt nur mein Umfeld, bei anderen Instituten kann das wieder deutlich anders aussehen.



  • marco.b schrieb:

    Vielen Dank für die Antworten 🙂

    Dass ich auf so eine Stelle mal komme, ist wohl sehr unwahrscheinlich.
    Habe mein Studium erst relativ spät begonnen, werde also Anfang 30 sein, bis ich einen Master habe. Noch dazu habe ich mich für die berufsbegleitende Variante einer FernUni Hagen entschieden, womit ich auch nur bedingt Kontakte zu Dozenten / Institute / ... knüpfen kann. Dennoch ist es spannend, ein wenig Einblicke in den Alltag einer derartigen Stelle zu erhalten.

    Walli schrieb:

    Natürlich ist kein Haus, Sportwagen oder Segelboot drin, aber man kann schon einen sehr gehobenen studentischen Lifestyle pflegen ;).

    Nun, das ist schon mehr als "studentischer Lifestyle", oder? Wenn das mit E13 als Master stimmt und man eine Vollzeitstelle hat, müsste man ja auf 3000 Brutto kommen. Da gibt es viele (ohne Studium), die weniger verdienen. 😉

    Nachdem was ich so höre sind ganze Stellen aber rar gesät, zumindest in der Physik. Oft gibts sogar garnichts vom Institut und man muss sich mit Stipendien über Wasser halten. Eine ganze Stelle nach E13 ist AFAIK für PostDocs vorgesehen.



  • Physik ist doch aber auch ein klassisches Promotionsfach, oder? Da muss man die Leute nicht unbedingt mit Geld locken. Bei Ingenieuren oder Informatikern siehts da schon wieder anders aus.



  • Bei Informatikern ist zumindest hier (NRW) eine volle Stelle standard. Somit also 38881€ Brutto im ersten Jahr (steigt dann jeweils nach einem Jahr und nochmal nach drei Jahren).



  • life schrieb:

    38881€ Brutto im ersten Jahr

    Das hört sich brauchbar an, da kenne ich Informatiker (zumindest von der FH), die in der freien Wirtschaft weniger haben.


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