Theoretische Physik-Klausuren



  • Hey!

    Da hier ja ein paar Physiker unterwegs sind, wollte ich mal so generell fragen, wie so die theoretischen Physikklausuren in ihren Jahrgängen ausgegangen sind. Ich interessiere mich dabei insbesondere für fortgeschrittene Klausuren, also auf Masterniveau bzw. keine Grundlagenvorlesungen wie Elektrodynamik I o.ä.

    Ich habe so das Gefühl, dass verschiedene Universitäten doch stark mit ihrer Notenvergabe variieren und würde daher gerne wissen, wie es so auf anderen Unis ist/war. Also bei mir musste ich nun in zwei Fächern feststellen, dass die Durchfallquote zwischen 65-75% schwankt, der Median liegt klar innerhalb der Note 5.0. Nur etwa 5-10% haben eine Note besser als 2.7 (also mit Prädikat "Gut"). Im Bachelorstudium hätte mich das nicht gewundert, schließlich wird dort noch gesiebt, aber dennoch waren die Durchfallquoten doch deutlich niedriger, immer etwa um die 50%.

    Kennt das jemand? Gibt es auch solche Fälle, z.B. in Informatik oder Mathematik? Was will eine Universität damit bezwecken, die überwältigende Mehrheit mit miserablen Noten zu segnen? Ist das das Resultat wachsender Unfähigkeit der Studenten und/oder der Professoren oder gar ein strukturelles Problem (Bologna-Prozess)?

    Anmerkung: Ich halte das Physikstudium, so wie ich es kennengelernt habe, für äußerst chaotisch, für moderne theoretische Physik reicht die im üblichen Rahmen gelehrte Mathematik bei weitem nicht aus, insb. wenn es um Geschichten wie Lie-Algebren, Cartan-Kalkül etc. geht. Insb. wenn es um Indexschlachten in der Tensorrechnung geht, habe ich das Gefühl, dass nur Auserwählte wissen, was sie da sowohl mathematisch als auch physikalisch wirklich tun. Aber das nur am Rande...


  • Mod

    Ich kann dir nicht über mein eigenes Studium erzählen, weil es da ab dem Grundstudium keine schriftlichen Prüfungen mehr gab, aber aus meiner Zeit als Lehrassistent sah es ungefähr so aus:
    Die exakte Punkte-zu-Noten Abbildung wurde erst a posteriori festgelegt. Ich weiß nicht exakt, wie die Dozenten dabei vorgegangen sind, aber es war wohl so etwas wie ein Fit einer Gausskurve um den Median. Das resultierte dann in aller Regel in einem recht harmonischen Notenschnitt. Die Besten hatten wirklich Einsen (und diese verdient!) und die, die durchgefallen sind, waren auch wirklich objektiv schlecht. Plus ein gewisser Peak bei den Durchfallern, weil manche Leute halt auch wirklich gar nichts außer Name und Datum abgegeben haben (im Hauptstudium kam das aber so gut wie nicht mehr vor). Es war aber nicht so, dass der Beste automatisch eine Eins bekam und der Schlechteste durchfiel, ich habe durchaus Klausuren mitkorrigiert, bei denen es am Ende keine Einsen oder keine Durchfaller gab. Die Noten erschienen mir mit dieser Technik insgesamt gerecht, die Leute, die nicht durchfielen hatten das Vorlesungsziel auch wirklich erreicht.

    Insgesamt würde ich schätzen (ist eine Weile her und ich habe kein Buch darüber geführt - irgendwo im Schrank sollten Aufzeichnungen sein, die ich jetzt aber nicht suchen werde), dass bei einer durchschnittlichen Klausur ~5-15% durchfielen. Mehr als 20% wäre schon eine extrem harte Klausur, beispielsweise die erste Klausur über theoretische Physik im Grundstudium (Theorie I ist die typische Aussiebvorlesung).

    Trotz meiner Benutzung der Wörter "Grundstudium" und "Hauptstudium" sind meine Erfahrungen zum Teil auch nach der Umstellung auf Bachelor/Master gemacht worden. Ich konnte keinen wesentlichen Unterschied feststellen. Jedoch habe ich nie eine Master-Klausur korrigiert von Leuten, die wirklich mit einem Master-Studium angefangen haben.

    Zur Nebenbemerkung: Kann sein, dass du Recht hast. Problem ist, dass vieles davon in genau einem Fachgebiet relevant ist. Bei mir gab es bei den guten Dozenten Zusatzvorlesungen oder umfangreiche Einführungen über die nötige Mathematik. Etwa hat der Dozent für Elementarteilchenphysik nebenher auch Gruppentheorie gelehrt und diese Vorlesung dringendst empfohlen. Bei den schlechten Dozenten hat dieser sich in den ersten 2-3 Vorlesungen ein bisschen was in den Bart gemurmelt und dies als ausreichende Vorbereitung angesehen. Ist wahrscheinlich ein Grund, warum ich mit gewissen Gebieten besser vertraut bin, als mit anderen.



  • Ich erinnere mich nicht daran, dass ich im Physikstudium jemals benotete Klausuren geschrieben habe. Klausuren gab es damals nur als Zusatzbedingung, um einen Uebungsschein zu bekommen. Man musste also eine gewisse Anzahl an Punkten in den woechentlichen Uebungszetteln kriegen und eine gewisse Anzahl an Punkten in 1-2 Klausuren, die es zu der Uebung im Semester gab. Da gab es aber am Ende praktisch nur ein "bestanden" oder eben "nicht bestanden". Jenseits davon hatte ich im Physikstudium nur muendliche Pruefungen. Die wurden benotet und die Noten fielen im Grundstudium typischerweise schlechter aus als im Hauptstudium.

    In meinem Informatikstudium gab es im Grundstudium benotete Klausuren. Dort waren solche Durchfallquoten, wie Du sie genannt hast, auch durchaus ueblich. Im Hauptstudium gab es dort dann aber auch nur noch muendliche Pruefungen.

    Es wundert mich auch etwas, dass bei Euch im Masterstudium so schlechte Noten entstehen. Ich hatte erwartet, dass man dort diverse Moeglichkeiten hat, an gute Noten zu kommen. Irgendwie wurde mir das immer so ueber das Bachelor-/Mastersystem vermittelt. ...also solche Sachen wie ein Bonus auf die Klausur, wenn man in den Uebungszetteln eine bestimmte Punktzahl erreicht und so. Allerdings habe ich nicht im Bachelor-/Mastersystem studiert. Was ich allerdings bestaetigen kann ist, dass einem im Physikstudium nicht so viel geschenkt wird. Wenn man da weit kommen moechte, muss man schon etwas dafuer tun.

    Deine Beobachtung, dass man nicht genug Mathematik lernt, um fortgeschrittenen Vorlesungen gut folgen zu koennen, ist nichts wirklich neues. Du solltest zu dem Zeitpunkt allerdings in der Lage sein, Dir entsprechende Mathematik selbst anzueignen. Je weiter Du kommst, desto mehr wirst Du feststellen, dass Du eigentlich viel mehr Mathematik koennen muesstest. Das ist (Abhaengig von der spaeteren Ausrichtung) glaube ich in jedem Studium so. Aber die Erkenntnis, dass Dir in einem speziellen Gebiet etwas fehlt, ist ja auch schon die halbe Loesung. 😉



  • Danke für eure Erfahrungen.

    SeppJ schrieb:

    Ich weiß nicht exakt, wie die Dozenten dabei vorgegangen sind, aber es war wohl so etwas wie ein Fit einer Gausskurve um den Median. Das resultierte dann in aller Regel in einem recht harmonischen Notenschnitt.

    Ja, so wird in der Regel auch bei uns vorgegangen. Neu ist für mich nur, dass man die große Mehrheit dabei durchfallen lässt. 20%tige Durchfallquoten finde ich aber doch erstaunlich, so etwas gibt es bei uns höchstens in den Fächern der Experimentalphysik. Vielleicht sind wir auch Opfer einer neuen Noten-Agenda, die ich hier und da schon mal mitbekommen habe.

    Gregor schrieb:

    Ich erinnere mich nicht daran, dass ich im Physikstudium jemals benotete Klausuren geschrieben habe. Klausuren gab es damals nur als Zusatzbedingung, um einen Uebungsschein zu bekommen. Man musste also eine gewisse Anzahl an Punkten in den woechentlichen Uebungszetteln kriegen und eine gewisse Anzahl an Punkten in 1-2 Klausuren, die es zu der Uebung im Semester gab. Da gab es aber am Ende praktisch nur ein "bestanden" oder eben "nicht bestanden". Jenseits davon hatte ich im Physikstudium nur muendliche Pruefungen. Die wurden benotet und die Noten fielen im Grundstudium typischerweise schlechter aus als im Hauptstudium.

    Sehr interessant. In meinem Studium (was da Bachelor und Master ist) wird quasi in jedem Fach eine Klausur geschrieben und benotet, um am Ende in die Gesamtnote des Bachelors/Masters verrechnet zu werden. Die Arbeit bzw. Verteidigung selbst (inkl. zusätzlicher mündl. Prüfung) zählt kaum mehr als 2 bis 3 Klausuren von den vielleicht 15 Klausuren, die man mindestens schreibt. Mündliche Prüfungen sind im Bachelor nicht existent, im Master sehr selten.

    Gregor schrieb:

    Es wundert mich auch etwas, dass bei Euch im Masterstudium so schlechte Noten entstehen. Ich hatte erwartet, dass man dort diverse Moeglichkeiten hat, an gute Noten zu kommen. Irgendwie wurde mir das immer so ueber das Bachelor-/Mastersystem vermittelt. ...also solche Sachen wie ein Bonus auf die Klausur, wenn man in den Uebungszetteln eine bestimmte Punktzahl erreicht und so.

    Manchmal gibt es Bonus-Regelungen. Da (auch aus Geldmangel) aber nur sehr selten Korrekturen für Übungszettel stattfinden, beschränkt sich das alles auf "an der Tafel auf Note vorrechnen". Manchmal geht das so weit, dass man sich erst in einer Liste eintragen muss, welche Aufgaben man vorrechnen kann, um dann zufällig vom Dozenten "drangenommen" werden zu können. Wer dann nach Ansicht des Dozenten "nicht liefert" (wie man heutzutage sagt), wird für den Bonus gesperrt (oder bekommt sogar einen Malus). Nur wer sich oft genug in der Liste eingetragen hat, bekommt dann auch den Bonus (in Form einer Drittelnote, also wird z.B. aus einer 3,7 eine 3,3, yay!). Wem dieses Affentheater zu blöd ist, wird zusätzlich bestraft, da die Notenspiegel in der Regel erst an die Klausur gefitten werden, nachdem der Bonus bereits eingerechnet wurde und dadurch quasi als Klausurpunkte zählen. Abgesehen davon, dass diese Verfahren alle äußerst intransparent und alles andere als gerecht sind.

    Gregor schrieb:

    Deine Beobachtung, dass man nicht genug Mathematik lernt, um fortgeschrittenen Vorlesungen gut folgen zu koennen, ist nichts wirklich neues. Du solltest zu dem Zeitpunkt allerdings in der Lage sein, Dir entsprechende Mathematik selbst anzueignen.

    Das mussten wir im Prinzip seit Semester 1 sein, da die Physik-Vorlesungen fast immer den Mathematikvorlesungen voraus waren. Dass Studium auch Selbststudium heißt, ist mir natürlich klar und das finde ich als mündiger Student auch richtig. Vieles fußt aber deshalb auch auf "mathematischer Intuition" und leider falschen Vorstellungen.
    Dass die Leute sich z.B. viel mehr an die Formalismen "gewöhnt" anstatt sie verstanden zu haben, habe ich deutlich im Kalkül mit Tensoren bemerkt. Was "Indizes hoch" und "runterstellen", Ko- und Kontravarianz etc. formal bedeutet, hat kaum jemand verstanden, was man daran merkt, wie sehr Dozenten und Tutoren bei dem Thema herumeiern und/oder eher ingenieursmäßig antworten, dass "man das halt so macht". Dass dahinter z.B. einfach nur duale Paarungen stehen, kommt kaum jemanden über die Lippen, stattdessen wird immer eine Art Schleier des Mysteriums gewahrt oder es wird sich in irgendwelche Koordinatensysteme mit tausenden Indizes mit bestimmten Transformationsverhalten verrannt, um nicht die abstrakte, koordinatenfreie Betrachtung vermitteln zu müssen.* Für Mathematiker ist das alles ein alter Hut, aber die befassen sich auch nicht mit dererlei Notationen aus der Physik, weshalb sie in den Mathematikvorlesungen für Physiker auch (zumindest bei uns) nicht darauf eingehen. Von Mathematikern, die aus Spaß mal theoretische Physik-Vorlesungen hören, weiß ich, dass sie sich bei dem Anblick regelmäßig schütteln.
    Die Brücke zwischen "echter" Mathematik zu schlagen und dem, was Physiker daraus machen, wird den Studenten einzeln überlassen, welche darin aber, eben weil sie sich daran gewöhnt haben, oft keine Notwendigkeit sehen. Die Gewöhnung kommt nach meinem Empfinden zum großen Teil daher, dass man für seine zahlreichen Klausuren stoisch rechnen können muss, egal ob man versteht, was man da macht oder nicht. Zum Verstehen hat man aber meist eh keine Zeit. Man merkt dadurch gar nicht, dass man es eigentlich nicht verstanden hat, es ist wie eine Selbstlüge, an die man anfängt, zu glauben.

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    ^*: Wenn ich z.B. Kommilitonen (also alle schon mit Bachelorabschluss) ganz naiv frage, was denn der Gradient sei, kommen sie alle mit Sachen wie^ =(1,,n)\vec\nabla=(\frac{\partial}{\partial^1},\ldots,\frac{\partial}{\partial^n})^\intercal ^an - eben irgendwelche Koordinatendarstellungen, mit denen sie zu rechnen gelernt haben. Nur Ausgewählte wissen, dass das einfach nur das duale Vektorfeld zur Differentialform ist. Dass dann z.B. Divergenz und Rotation ein und das selbe sind (und dadurch auch Integralsätze von Green, Gauß und Stokes) entgeht den Allermeisten völlig, so wie der größte Teil einer metrikfreien Formulierung der Vektoranalysis, die schon über 100 Jahre alt ist. Wenn jemand sagt, dass Physiker das ja gar nicht brauchen, dem muss man dann nur auf die Thermodynamik verweisen, die auf einmal Geometrie ohne ein Skalarprodukt benötigt (was die Abwesenheit von Gradienten&Co bedeutet). Ich vermute, eben deshalb ist sie auch bei so vielen relativ verhasst, da sie obskur wirkt und ihren scheinbar eigenen Formalismus besitzt.^


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